Wolfgang "Wölli" Rohde Mit dem Geist der Toten Hosen bis zum Schluss

Wolfgang "Wölli" Rohde (2011)
Foto: imagoIm Sommer vor zwei Jahren habe ich Wolfgang Rohde, den alle nur Wölli nannten, in einer Rehaklinik an der Nordsee besucht. Kurz zuvor war ihm die linke Niere komplett und die rechte zur Hälfte entfernt worden, beide waren von Krebs befallen. Ich wollte ihn für ein Buch über die Toten Hosen interviewen, deren Schlagzeuger er von 1986 bis ins Jahr 2000 war.
Am Vorabend unseres Treffens hatte er noch eine Textnachricht geschrieben: "Denk bitte nicht, dass du auf einen alten halbtoten Mann triffst. Ich bin voll belastbar, und wenns 24 Stunden dauert. Ich bin bereit und freue mich drauf. Du wirst Spaß kriegen mit mir, versprochen."
Es hat dann tatsächlich fast 24 Stunden gedauert, Wölli redete über wenige Dinge lieber als über seine 14 Jahre mit Andi, Breiti, Kuddel und Campino, seine Bandkollegen, es seien die schönsten 14 Jahres seines Lebens gewesen. Eine Gitarre lehnt an der Wand in seinem Zimmer, er war dabei, neue Lieder zu schreiben für sein zweites Soloalbum. Er war damals 64, doch von seinem Kopf stand noch immer die Punkrock-Klassiker-Frisur ab, wasserstoffblondes Gestrubbel. Tränen unterbrachen manchmal seine Erzählungen.
Eine Woche zuvor habe er aufgeben wollen, er habe eine ganze Nacht durchgeweint, und war entschlossen, nach dem Frühstück die Rehaklinik zu verlassen, scheiß drauf. Doch im Frühstücksraum sei eine zirka achtzigjährige Dame auf ihn zugekommen. Sie wolle ihm nur sagen, so die Dame, dass er ein Vorbild für alle anderen hier in der Klinik sei. Im Rollstuhl sei er ein Woche zuvor gekommen, und jetzt laufe er schon ohne jede Hilfe allein herum. Seine Zuversicht, seine Kraft, sein Mut sei Inspiration für alle, wo er das hernehme?
Wölli wusste, wo er das hernahm. Er habe mal in einer Band gespielt, erklärte er den alten Leuten. Dies sei der Geist der Toten Hosen. Steh auf, wenn du am Boden bist.
Eigentlich war er zu alt für Die Toten Hosen
Seitdem jedenfalls schritt Wölli wie der Bürgermeister durch die Rehaklinik, grüßte alle und war der Mittelpunkt der Krankengemeinschaft. Manchmal spazierte er zum Strand und überlegte, ob er sich dort ein Glas Prosecco gönnen könne. Doch dann fiel ihm ein, dass er nur noch eine halbe Niere hatte, und er ließ es lieber sein.
Für die Toten Hosen war Wölli eigentlich zu alt. Als er 1986 zu der Band stieß, war er bereits 36, der Rest der Band ein Haufen Anfang 20-Jähriger. Doch Wölli wusste den Altersunterschied durch sein Verhalten immer gut zu kaschieren. Er galt nie als die Stimme der Vernunft in der Band.
Bei einem der legendärsten Bühnenfiaskos der Band, ein Konzert 1990 in Zürich, hatte sich Wölli zusammen mit Campino zwei Tage lang unter Zuhilfenahme möglicherweise illegaler Substanzen auf das Konzert vorbereitet. Beim Auftritt konnte er dann seine Schlagzeugstöcke nicht mehr halten - und zwar nicht sinngemäß nicht mehr halten, sondern wörtlich -, bis die Band ihm die Stöcke mit Paketband an den Handgelenken befestigte. Es ist als Ausdruck von Wöllis Haltung gegenüber dem Leben zu werten, dass er trotzdem nicht aufgab.
Wölli war eigentlich Elektriker, beziehungsweise hatte eine entsprechende Ausbildung begonnen, diese jedoch sicherheitshalber wieder abgebrochen, als er das erste Mal richtig einen Schlag bekam. Er reichte mit 18 einen Antrag auf Frührente ein und zog von seiner Heimatstadt Kiel nach Westberlin, auch dies eine Vorsichtsmaßnahme, um nicht zum Wehrdienst eingezogen zu werden.
Dann lernte er Beate kennen - Campinos große Schwester
In West-Berlin Mitte der Siebzigerjahre lernte Wölli Beate Frege kennen. Sie war Hippie wie er, doch kam aus einem Vorort von Düsseldorf und aus gutem Haus. Bei Besuchen bei ihrer Familie lernte Wölli nicht nur Beates strengen Vater kennen, der Wölli - angeblich war er ja Elektriker - den Toaster reparieren ließ, sondern vor allem auch Beates jüngsten Bruder Andreas, damals ungefähr 13 Jahre alt, der sich später Campino nennen würde. Wölli spielte Schlagzeug in Hippiebands und einmal, als er im Rheinland unterwegs war, baute er sein Schlagzeug auch im Keller der Freges auf. Jedes Mal wenn er in den Keller kam, saß der junge Campino hinter den Trommeln. Wölli wurde Campinos Vorbild, seinetwegen wollte er Schlagzeuger werden.
Mehr als zehn Jahre später, 1986, war aus Andreas endgültig Campino geworden, und die Toten Hosen hatten sich seit ein paar Jahren als Deutschlands chaotischste und spektakulärste Band einen Namen gemacht, da entschied ihr erster Schlagzeuger Trini Trimpop, dass ihm das mit den Trommeln zu viel würde und er in Zukunft lieber Manager wäre. Die Toten Hosen brauchten einen neuen Drummer.
Campino war immer noch mit Wölli befreundet, der inzwischen vom Hippie zum Punk geworden war. Wenn die Toten Hosen in Berlin waren, übernachteten sie in Wöllis Loft, in dem außer ihm ein sprechender Beo lebte, der jedem, der vorbeikam, zurief: "Hilfe, ich bin in einem Käfig! Holt mich hier raus!"
Wölli hatte zuvor bei der Berliner Band Die Suurbiers Schlagzeug gespielt, aus denen sich zum Teil Die Ärzte rekrutierten. So sehr den Ärzten und den Toten Hosen stets eine Konkurrenz nachgesagt wurde - in Wölli hatten beide Bands schon früh eine Schnittstelle.
Die erste Probe, die Wölli mit den Toten Hosen im Frühsommer 1986 testweise absolvierte, entgleiste zu einem Trinkgelage, was den neuen Schlagzeuger aus Sicht der Band für den Job qualifizierte.
Wöllis erster richtiger Auftritt mit den Toten Hosen fand gleich vor 120.000 Zuschauern statt, auf dem Anti-WAAhnsinns-Festival in Wackersdorf. Wölli, so erinnern sich die anderen Bandmitglieder, war furchtbar nervös, wie überhaupt Lampenfieber Wölli all die Jahre quälte und sogar körperliche Auswirkungen hatte. Trotzdem begannen nun die schönsten Jahre, in denen die Toten Hosen von einer Chaostruppe zur größten deutschen Band wurden, zwei Ehen haben Wölli diese Jahre wegen des ständigen Tourneelebens (und seinen Versuchungen) gekostet, und trotzdem habe er gewünscht, dass diese Zeit nie aufhöre.
Punk lebt, aber die Bandscheibe will nicht mehr
Doch ab Mitte der Neunzigerjahre begannen die Bandscheibenvorfälle. Wölli hielt die Konzerte immer schwerer durch, schaffte es manchmal nicht, die Zugaben zu spielen. Er büßte sein Selbstvertrauen ein, bei Studioaufnahmen versagten ihm die Nerven. Die Band quälte sich einige Jahre, sie brachte es nicht übers Herz, Wölli zu entlassen, obwohl mit dem Engländer Vom Ritchie ein Ersatz bereit stand. Als Campino einmal wieder bei Wölli vor der Tür stand, und ein Trennungsgespräch vorsichtig mit "Du, ich habe nachgedacht" begann, unterbrach Wölli ihn enthusiastisch und rief: "Du, ich auch! Macht euch keine Sorgen, ich werde es noch einmal versuchen!"
Im Frühjahr 2000 beendete ein Autounfall Wöllis Schlagzeugkarriere bei den Toten Hosen. Er blieb ein enger Freund, trat immer mal wieder als Überraschungsgast mit der Band auf und spielte eine Soloplatte ein, bei der Campino ihn bei Texten und Gesang unterstützte. An seinem zweiten Album, das er in der Klinik an der Nordsee begonnen hatte, hat er bis kurz vor seinem Tod geschrieben. Es heißt von Leuten, die einige Stücke kennen, es seien bewegende Zeugnisse eines Mannes, der wusste, dass er sterben würde.
Ich habe Wölli zum letzten Mal auf der Beerdigung des Toten-Hosen-Managers Jochen Hülder gesehen. Das war vor 15 Monaten auf dem Düsseldorfer Südfriedhof, wo die Toten Hosen eine Grabstätte für sich und ihre engsten Weggefährten reserviert haben. Wir haben uns umarmt, und Wölli hat gesagt: "Wenn ihr das nächste Mal hier steht, liege ich da unten im Sarg. Aber das wird noch dauern!"
Wolfgang Rohde ist am 25. April 2016 mit 66 Jahren in der Nähe von Düsseldorf an den Folgen seiner Krebserkrankung verstorben. Seine Kinder waren bei ihm. Er wird auf dem Düsseldorfer Südfriedhof beigesetzt.
Philipp Oehmke ist Autor des Buchs "Die Toten Hosen. Am Anfang war der Lärm."